| DSJADY (Ahnengedenktag)
Dsjady ist ein volkstümlicher Brauch, der wohl nur von den Belarussen in einer ganz speziellen Art und Weise begangen wird. Von seiner Bedeutung her entspricht er in etwa dem Totensonntag, dem letzten Sonntag des kirchlichen Jahres (dem letzten Sonntag vor dem 1. Advent).
Schon in der vorchristlichen Ära wurden in Ägypten, in Griechenland und auch im Alten Rom Feiern zu Ehren der Verstorbenen abgehalten. Aber in Belarus wurden die alten Bräuche bewahrt und man feiert heute noch Dsjady nach dem Volkskalender. Dsjady ist kein gesellschaftlicher Feiertag, sondern wird traditionell in der Familie begangen.
Der Ahnenkult ist eine der herausragenden Eigenschaften der Belarussen, er ist praktisch in allen Riten und Bräuchen präsent, die das Volk im Laufe des Jahres begeht. Gedenktage für die Verstorbenen gibt es sowohl im Frühjahr wie im Sommer, im Herbst wie im Winter. Die bedeutendsten aber sind Radunitza im Frühjahr und Dsjady im Herbst. Während Radunitza begibt sich die Familie auf den Friedhof, bringt die Gräber der Vorfahren nach einem langen Winter wieder in Ordnung und erbittet gleichzeitig deren Segen für das kommende Jahr. Aber im Herbst werden die Ahnen ins Haus der Familie „eingeladen“, um sie zu bewirten und ihnen für ihre Hilfe und ihren Schutz zu danken.
Dsjady ist ein sogenannter beweglicher Feiertag, der auf den 3. Samstag nach Mariä Schutz und Fürbitte fällt.
Zum besseren Verständnis der belarussischen Traditionen muß ich hier kurz den Aufbau einer „Chata“, des Hauses der belarussischen Landbevölkerung, erläutern. Einiges ist ja schon im Thema Navaselle beschrieben, hinzufügen möchte ich aber noch, dass das Haus traditionell nur zwei (tragende) Deckenbalken hat. Diese beiden Balken teilen das Haus symbolisch in drei Teile und stehen der Überlieferung nach für die Verbindung zwischen den Generationen. Der erste Deckenbalken, der sich näher zum Eingang befindet, symbolisiert den Raum für die Gäste, während man den zweiten Deckenbalken getrost als Ahnentafel der Familie bezeichnen kann, denn in ihn werden die Namen aller verstorbenen Familienmitglieder geritzt. Diesen Deckenbalken bezeichnet man auch als Gedenkbalken.
An „normalen“ Feiertagen wird der festlich gedeckte Tisch in einer Linie von der Türschwelle in Richtung „Heilige Ecke“ (hier befinden sich die Familienikonen) ausgerichtet. Zu Dsjady aber steht der Tisch unter dem Gedenkbalken. An der Stirnseite des Tisches sitzt das Familienoberhaupt – der Vater oder der Großvater. Danach nehmen alle dem Alter nach ihren Platz ein. Diese „Rangordnung“ wird ohne Ausnahme eingehalten, denn es gilt der (Aber-) Glaube, dass derjenige, der als erster Platz nimmt, auch als erster sterben wird. Die Männer sitzen an der rechten Seite, die Frauen an der linken, ihren Ehemännern gegenüber. Für die Kinder gibt es einen extra Tisch. Normalerweise beginnt die Feier, nachdem die ersten Sterne am Himmel erscheinen. Der Hausherr zündet eine Kerze an, diese geht dann von Hand zu Hand einmal um den gesamten Tisch. Nach einem gemeinsamen „Vater unser“ werden die Namen aller verstorbenen Familienmitglieder bis in die siebente Generation aufgerufen. Vor Beginn des Essens lädt der Hausherr die Seelen der Ahnen zu Tisch: “Heilige Ahnen! Wir rufen Euch! Kommt zu uns! Hier gibt es alles, was Gott uns gab und unser Haus zu bieten hat. Wir bitten Euch, fliegt zu uns.“
Nach diesem Gebet erhebt sich die Mutter, nimmt einen Stapel Bliny (Pfannkuchen) und schneidet diesen kreuzweise in vier Teile. Die viertel Pfannkuchen verteilt sie der Reihe nach zuerst dem Ältesten, zuletzt dem Jüngsten. Den ersten Löffel Kutja (ein ritueller Brei aus Graupen, in Wasser oder Milch mit Zucker gekocht) legt die Hausherrin für die Ahnen auf die Türschwelle oder aber auf das Fensterbrett. Erst danach beginnen alle anderen zu essen.
Wie oben bereits erwähnt, werden die Namen der verstorbenen Verwandten bis in die siebente Generation zurück gerufen. Daher muss es auch sieben verschiedene Gerichte geben. Kutja und Bliny sind auf jeden Fall dabei. Jedes Gericht wird paarweise aufgetischt, d.h. sieben Gerichte auf 14 Tellern. So wird vermieden, daß sich weder die Lebenden noch die Toten beleidigt fühlen können.
Auch für das Trinken gibt es feste Regeln. Der Hausherr nimmt ein 100-Gramm-Glas mit Wodka, gießt aber ein Drittel davon für die Ahnen ab. Das zweite Drittel trinkt er, der Rest bleibt im Glas. Alle anderen am Tisch tun es ihm gleich. Auf diese Weise werden drei Gläser getrunken.
Ein weiteres „Gesetz“ des Dsjady lautet: Nach Beendigung des Essens wird der Tisch bis zum nächsten Morgen nicht abgeräumt, die Seelen der Ahnen könnten ja auch des nachts kommen. Das rituelle Festessen wird mit einem gemeinsamen Gebet abgeschlossen. Die Kerze wird mit einem Stück Brot gelöscht. Dabei wird darauf geachtet, in welche Richtung der Rauch zieht. Zieht der Rauch in Richtung Tür, stirbt, so glaubt man, im Laufe des Jahres ein Familienmitglied. Nachdem die Kerze gelöscht wurde, erhebt sich das Familienoberhaupt und spricht: „So, liebe Ahnen, Ihr ward bei uns zu Gast, Ihr habt mit uns gespeist, aber jetzt geht“. Um sicher zu gehen, dass die Ahnen nicht in die Welt der Lebenden zurück kehren, werden die Spitzen einer Egge auf die Türschwelle gelegt.
Frei Übersetzung eines Artikels von Oleg Karpovich, Советская Белоруссия No202, 25. Oktober 2008
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