| Maslenitsa
Für sieben Tage versank früher ganz Belarus in einem Taumel aus Frohsinn und wildem Treiben. Maslenitsa war mit Abstand das fröhlichste Fest im ganzen Jahr und wurde in Belarus allerorts mit Freude erwartet. Ausgelassen vertrieben die Menschen den kalten Winter und schlugen sich vor dem Großen Fasten die Bäuche voll. Überall wurden "Blini", die Pfannkuchen, gebacken. Heiß, klein, rund und gelb symbolisierten sie die Sonne und lockten das Frühjahr heran. Kein Wunder, dass der Appetit auf das alte Fest bis heute nicht vergangen ist. Maslenitsa wird in Belarus Ende Februar - Anfang März gefeiert.
Genau übersetzt bedeutet Maslenitsa "Butterwoche". Denn als Vorbereitung auf die bevorstehende Fastenzeit musste man in der letzten Woche vor dem Fasten bereits aufs Fleisch verzichten, durfte aber noch Milcherzeugnisse (Butter, Käse, Sahne, etc.) und Eier essen. Gleichzeitig kündigte das Fest die Wende zum Frühling an. Und bis zum 16. Jahrhundert war Maslenitsa so etwas wie Silvester von heute, weil das neue Jahr erst im März anfing. Laut dem alten Glauben prophezeite eine frohe Begrüßungsfeier ein gutes und glückliches Jahr. So wurde Maslenitsa zu einem Feuerwerk überschäumender Lebensfreude. Es war üblich zu: ...essen bis zum Schluckauf, ...saufen bis zum Abwinken, ...singen bis zur Heiserkeit, ...tanzen bis zum Umfallen.
Jeder Tag der Maslenitsa-Woche hat seine eigene Bedeutung. Der Montag ist der Tag der Begrüßung. Traditionell hießen zuerst Kinder Maslenitsa willkommen. Sie häuften Schneehügel auf, riefen laut "Maslenitsa ist gekommen, Maslenitsa ist gekommen!", rutschten von den Hügeln herunter und rannten auseinander. Junge Leute bastelten aus Stroh oder Stofffetzen eine Maslenitsa-Puppe, verkleideten sie als Frau, setzten sie auf einen Stock, fuhren damit in bemalten Schlitten herum und sangen fröhliche Lieder. Die Menschen strömten aus ihren Häusern und folgten dem lustigen Umzug.
Am Dienstag - dem Tag der Spiele - fingen wilde Maslenitsa-Spiele an. Zu den beliebtesten Zeitvertreiben gehörten das Schlittenfahren, das Herunterrutschen von vereisten Hügeln und verschiedene Schneespiele. Auf den Straßen gaben verkleidete Spielleute lustige Vorstellungen und sorgten mit sprühendem Witz für gute Laune. In den Städten ging man ins Theater oder veranstaltete Bälle. Am Dienstag suchten sich die jungen Burschen eine Braut und die Jungfrauen einen Bräutigam.
Den Mittwoch erklärte man zum „Tag des Leckermäulchens“. An diesem Tag wurden die besten Maslenitsa- Köstlichkeiten aufgetischt. Blini, Wodka und Bier gab es im Überfluss. Das Highlight des Tages war das festliche "Blini Essen", zu dem Schwiegermütter ihre Schwiegersöhne einluden. Allerdings war das eine heikle Angelegenheit. Denn wenn das Verhältnis zwischen den beiden gut war, wurde der Schwiegersohn wie ein König bewirtet. Doch manchmal gerieten die Parteien richtig aneinander und alles endete mit einem großen Streit.
Der Donnerstag wird der Tag der Wende, der Schwelgerei, oder einfach der Große Donnerstag genannt. Mit diesem Tag sind viele Bräuche verbunden. Am meisten wurden die frisch Verheirateten gefeiert. Sehr populär war, zum Beispiel, das Spiel "Stolby", die so genannte "Demonstration der Liebe". Alle im letzten Jahr vermählten Paare zogen ihre Hochzeitskleider an, stellten sich an beiden Seiten der Straße auf und zeigten, wie lieb sie sich hatten. Dabei wurden sie von den Zuschauern angeheizt und aufgefordert, noch intensiver zu küssen und noch leidenschaftlicher ihre Liebe auszudrücken.
Frischgebackene Eheleute mussten überhaupt viel aushalten können. Spaßeshalber wurden sie auch in den Schnee eingegraben oder mit Schnee beschmissen. Populär waren auch die so genannten Küssbesuche, die Dorfbewohner bei den Bräuten abhielten. Die junge Frau begrüßte jeden Gast mit einem großen Krug Bier und, nachdem der Krug leer getrunken war, musste sie den Besucher drei Mal küssen.
Der Freitag hieß der Schwiegermutterabend. Nun waren Schwiegermütter bei ihren Schwiegersöhnen eingeladen. Kurios ist, dass die Schwiegermutter am Abend vorher der Gastgeberfamilie alles schicken musste, was für die Zubereitung von Blini nötig war: eine Schüssel für den Teig, einen großen Löffel, eine Pfanne, etc. Der Schwiegervater sendete einen Sack Mehl und ein Gefäß mit Butter.
Der Samstag ist der Tag des Abschieds oder der Schwägerinnenabend. An diesem Tag besuchten sich gewöhnlich die Verwandten, feierten noch einmal miteinander und haben sich gegenseitig beschenkt. Unverheiratete Burschen und Mädels haben Schneeburgen errichtet, um diese dann einzunehmen. Dabei wurde natürlich kräftig geflirtet.
Am Sonntag, dem Tag der Vergebung, haben sich die Leute endgültig von Maslenitsa verabschiedet. Schon früh am Morgen fingen die Kinder an, Holz für das große Feuer zu sammeln. Dann wurde die Maslenitsa-Puppe unter scherzhaftem Wehklagen aus der Stadt oder über die Dorfgrenze geführt und unter Gesängen verbrannt. Auch die Reste des festlichen Essens wurden ins Feuer geworfen. Junge Kerle beschmierten sich mit der Asche und haben versucht auch die anderen, vor allem natürlich die Mädchen, zu erwischen. Anschließend wurde die Asche auf dem Boden verstreut, damit die zukünftige Ernte ertragreich wird. Das Begräbnis der Maslenitsa wurde vom rituellem Gelächter, Frühlingsrufen und der Verspottung der Maslenitsa begleitet. Am Abend baten sich alle gegenseitig um Vergebung und umarmten sich. Auf diese Weise wollten sich die Menschen von allen Sünden befreien. Danach gingen alle in die Banja, die Sauna, um am nächsten Tag den Frühling mit sauberem Gewissen und Körper zu begrüßen.
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